Wissenschaft
Die Best-Possible-Self-Übung: Dein bestes zukünftiges Ich, wissenschaftlich fundiert
Bei der Best-Possible-Self-Übung schreibst du etwa 15 bis 20 Minuten darüber, wie dein Leben in der Zukunft aussieht, wenn alles so gut wie möglich gelaufen ist. Eingeführt hat sie die Psychologin Laura King 2001. Eine Meta-Analyse über 29 Studien (Carrillo u. a. 2019) fand kleine bis mittlere positive Effekte auf Optimismus, Wohlbefinden und positive Gefühle.
Eine der am besten untersuchten Zukunftsübungen
Viele Manifestations-Methoden sind beliebt, aber kaum erforscht. Die Best-Possible-Self-Übung ist das Gegenteil: eher unbekannt, aber seit über zwanzig Jahren in Dutzenden Studien getestet. Wenn du wissen willst, welche Zukunfts-Übung wirklich Substanz hat, ist das eine der ersten Adressen.
Die Idee ist einfach. Du stellst dir dein Leben in einigen Jahren vor, so als wäre alles so gut gelaufen, wie es realistischerweise möglich ist. Und du schreibst es auf. Nicht als Wunschliste, sondern als lebendige Beschreibung.
Woher die Übung kommt
Die Psychologin Laura King veröffentlichte 2001 im Personality and Social Psychology Bulletin eine Studie mit 81 Studierenden. Sie schrieben an vier aufeinanderfolgenden Tagen jeweils 20 Minuten: entweder über ihr bestmögliches zukünftiges Selbst, über ein belastendes Erlebnis, über beides oder über ein neutrales Thema.
Die Gruppe, die über ihr bestes Selbst schrieb, berichtete danach mehr Wohlbefinden. Und anders als das Schreiben über belastende Erlebnisse war es für die Teilnehmenden nicht unangenehm. In den Monaten danach zeigte sich zudem ein Unterschied bei Besuchen im Gesundheitszentrum der Uni, ein Befund, den man bei einer so kleinen Stichprobe vorsichtig lesen sollte.
Was spätere Studien zeigen
- Meta-Analyse: Joel Carrillo und Kollegen fassten 2019 in PLOS ONE 29 Studien mit zusammen 2.909 Teilnehmenden zusammen. Ergebnis: kleine bis mittlere Effekte auf Optimismus und Wohlbefinden, und ein mittlerer Effekt auf positive Gefühle direkt nach der Übung.
- Optimismus über zwei Wochen: Yvo Meevissen, Madelon Peters und Hugo Alberts (2011) ließen Menschen zwei Wochen lang täglich ihr bestes Selbst in drei Bereichen vorstellen: persönlich, in Beziehungen und beruflich. Ihr Optimismus stieg im Vergleich zu einer Kontrollgruppe.
- Stimmung und Motivation: Kennon Sheldon und Sonja Lyubomirsky (2006) verglichen die Übung mit einer Dankbarkeitsübung. Die Best-Possible-Self-Gruppe hatte unmittelbar mehr positive Gefühle, und wer motiviert dabeiblieb, profitierte am meisten.
Was die Studien nicht zeigen: dass die beschriebene Zukunft dadurch eintritt. Die Effekte betreffen Optimismus, Stimmung und Wohlbefinden. Das ist viel, aber es ist etwas anderes als eine Wunscherfüllung. Einen Überblick über die gesamte Forschung findest du unter Visualisierung: Was die Wissenschaft sagt.
Warum die Übung wirkt
Forschende nennen mehrere Gründe:
- Klarheit: Beim Schreiben merkst du, was du eigentlich willst, und was nur nach außen gut aussieht.
- Optimismus als Erfahrung: Du erlebst für einige Minuten, dass eine gute Zukunft denkbar ist. Das verschiebt die Erwartung.
- Ordnung: Schreiben zwingt Gedanken in eine Reihenfolge. Aus vagen Hoffnungen wird ein Bild.
- Verbindung zum zukünftigen Ich: Du siehst dich als jemanden, der einen Weg gegangen ist. Mehr dazu unter Dein zukünftiges Ich.
Anleitung: So machst du die Übung
Vorbereitung
Nimm dir 20 bis 25 Minuten, Stift und Papier oder ein leeres Dokument. Such dir einen ruhigen Ort. Atme ein paar Mal langsam aus, bevor du beginnst.
Der Schreibimpuls
Sinngemäß nach King: Stell dir dein Leben in der Zukunft vor, zum Beispiel in fünf oder zehn Jahren. Alles ist so gut gelaufen, wie es möglich war. Du hast dich angestrengt und die Ziele erreicht, die dir wirklich wichtig sind. Stell dir das als Erfüllung deiner Lebensträume vor. Schreib jetzt auf, was du dir vorstellst.
Hilfsfragen, wenn du nicht weiterkommst
- Wo wachst du morgens auf? Wer ist bei dir?
- Womit verbringst du deine Tage? Was macht dich daran stolz?
- Wie sprechen Menschen über dich, die dich gut kennen?
- Wie fühlst du dich in deinem Körper, in deinem Kopf?
- Was hast du gelernt, das du heute noch nicht kannst?
- Worauf freust du dich an einem ganz gewöhnlichen Abend?
Regeln beim Schreiben
- Durchschreiben. Nicht korrigieren, nicht bewerten. Rechtschreibung ist egal.
- Konkret werden. Statt „Ich bin glücklich im Job“: „Ich komme um halb neun ins Büro, mein Team hat schon Kaffee gemacht, und heute präsentiere ich das Projekt, für das ich zwei Jahre gekämpft habe.“
- Realistisch-optimistisch. Das Beste, was möglich ist, nicht das Unmögliche. Wenn du beim Schreiben lachen musst, weil es absurd ist, geh einen Schritt zurück.
- Mit Gefühl enden. Schließ mit einem Absatz darüber, wie sich dieses Leben anfühlt.
Danach
In vielen Studien folgte auf das Schreiben eine kurze Phase, in der die Teilnehmenden sich das Geschriebene noch einmal bildlich vorstellten, etwa fünf Minuten mit geschlossenen Augen. Das lohnt sich: Innere Bilder lösen meist stärkere Gefühle aus als Worte allein.
Beispiel-Auszug
Es ist ein Dienstag im Mai, 2031. Ich wache ohne Wecker auf, weil ich inzwischen früh schlafen gehe. Aus dem Küchenfenster sehe ich den Garten, den ich mir so lange gewünscht habe. Ich arbeite drei Tage pro Woche in der Praxis, die ich mit einer Kollegin aufgebaut habe, und zwei Tage schreibe ich. Mein erstes Buch liegt auf dem Tisch, nicht als Bestseller, aber als etwas, das ich gemacht habe. Am Abend kommen Freunde, und ich merke, wie ruhig ich geworden bin. Ich bin stolz, nicht auf das Haus oder die Praxis, sondern darauf, dass ich drangeblieben bin.
Varianten für den Alltag
- Drei Bereiche: Wie bei Meevissen u. a. getrennt für persönlich, Beziehungen und Beruf, an drei Tagen.
- Kurzversion täglich: Einmal ausführlich schreiben, dann zwei Wochen lang täglich fünf Minuten das Bild innerlich durchgehen.
- Ein Tag statt ein Leben: Statt einer Zusammenfassung einen ganzen Tag mit Uhrzeiten beschreiben. Das macht die Übung sinnlicher; mehr dazu unter Ein Tag in deinem Traumleben.
- Als Audio: Den Text einsprechen oder als geführte Szene anhören, um tiefer hineinzugehen. Bhava baut genau auf dieser Übung auf und macht aus deiner Beschreibung eine persönliche geführte Szene.
- Mit Brief: Das bestmögliche Ich schreibt dir heute einen Brief. Wie das geht, steht unter Brief an dein zukünftiges Ich.
Wichtig: vom Bild zum Schritt
Eine Warnung aus der Forschung von Gabriele Oettingen: Positive Zukunftsbilder allein können die Motivation senken, wenn sie nicht mit der Realität verbunden werden. Die Lösung ist einfach. Frag dich nach der Übung: Was steht mir heute im Weg? Und was ist ein erster Schritt? Formuliere ihn als Wenn-dann-Plan. So wird aus dem Bild eine Richtung.
Fazit
Die Best-Possible-Self-Übung ist einfach, kostet zwanzig Minuten und gehört zu den am besten untersuchten Übungen der Positiven Psychologie. Sie verspricht nicht, dass deine Zukunft so wird. Aber sie kann deinen Blick auf die Zukunft heller und klarer machen. Und mit einem konkreten Schritt danach wird aus Optimismus Bewegung.
Häufige Fragen
Wie oft sollte man die Best-Possible-Self-Übung machen?
In Studien meist an mehreren Tagen hintereinander (King: vier Tage à 20 Minuten) oder täglich über zwei Wochen in Kurzform. Praktisch bewährt: einmal ausführlich schreiben, dann täglich fünf Minuten das Bild innerlich durchgehen.
Wie weit in die Zukunft soll ich denken?
Häufig werden fünf bis zehn Jahre genutzt, manche Studien nehmen ein Jahr. Wähl einen Abstand, der weit genug für echte Veränderung ist, aber nah genug, dass du dich darin wiedererkennst.
Ist die Best-Possible-Self-Übung wissenschaftlich belegt?
Ja, vergleichsweise gut. Die Meta-Analyse von Carrillo u. a. (2019) mit 29 Studien fand kleine bis mittlere Effekte auf Optimismus, Wohlbefinden und positive Gefühle. Belegt ist die Wirkung auf dein Erleben, nicht dass die beschriebene Zukunft eintritt.
Muss ich schreiben oder reicht es, mir die Zukunft vorzustellen?
Die meisten Studien kombinieren Schreiben und anschließendes Vorstellen. Schreiben sorgt für Klarheit, Vorstellen für Gefühl. Wenn dir Schreiben schwerfällt, kannst du auch sprechen und aufnehmen.
Quellen
- King 2001, The Health Benefits of Writing about Life Goals, Personality and Social Psychology Bulletin
- Carrillo u. a. 2019, Effects of the Best Possible Self intervention (Meta-Analyse, 29 Studien), PLOS ONE
- Meevissen, Peters & Alberts 2011, Become more optimistic by imagining a best possible self, Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry
- Sheldon & Lyubomirsky 2006, How to increase and sustain positive emotion, Journal of Positive Psychology
Dieser Ratgeber ersetzt keine Beratung oder Therapie.